UNIDAS – Konferenz: Frauen im Dialog – Wie „gemeinsam & verbündet“ sind wir?
Oder:
Gemeinsam gegen Spaltung!

Dieser Blogbeitrag stammt von Ruby Rebelde und wurde auf ihrer Webseite www.mademoiselleruby.com veröffentlicht

Vom 23.11. – 28.11. fand die vom Goethe-Institut ausgerichtete Online – Konferenz „UNIDAS – Frauen im Dialog“ (https://www.goethe.de/ins/br/de/kul/sup/und.html) mit Teilnehmenden aus Brasilien und Deutschland statt.

In Brasilien und Deutschland haben sich während dieser Tage und trotz der globalen Pandemie Feministinnen zusammengefunden um über Intersektionalität, Gewalt gegen Frauen, Frauenrechte & Gleichstellung sowie Krisenprävention zu diskutieren. Wir durften tolle Keynotes unter anderem von Natasha A. Kelly, Ina Holev & Miriam Yosef sowie Phenix Kühnert hören.

Für dieses großartige Event, was viele neue Kontakte und Netzwerke hat entstehen lassen, möchte ich den Organisator*innen herzlich danken.

Manche wissen, dass mich, Ruby, mit Südamerika eine lange und sehr persönliche Geschichte verbindet.
Zwischen 2005 und 2011 habe ich in Chile gelebt und im Rahmen meiner Arbeit als selbständige Reiseleiterin auch intensiv Argentinien & Brasilien bereist.
Doch es ging nicht nur um schöne Urlaubsbildchen, und um Reiseerinnerungen im Übrigen sehr privilegierter Kundinnen in dieser Zeit. Ich kam in Berührung mit der sehr lebendigen und erschreckend präsenten Diktaturerfahrung und dem Mangel an demokratischen Rechten der Bewohnerinnen in Chile, Argentinien & Brasilien.
Beinahe jeder meiner Freunde hatte Desaparecidas zu beklagen, also Menschen, die während der Militärdiktaturen einfach verschwanden, ermordet und gefoltert wurden. Meine Freundinnen aus der queeren Community konnten nicht offen zu ihren Lebenspartner*innen stehen, und ich erlebte in diesen 6 Jahren allenfalls einen allmählichen Wandel zu mehr Miteinander & Toleranz gegen über sexueller Vielfalt.
Ich nahm an großen Protesten gegen die Pacos (Polizei in Chile) teil, die regelmäßig das Gebäude in dem sich die Wohnung meines damaligen Partners befand mit Tränengas bombardierten, da bekannt war, dass dort Linke wohnten. Ich engagierte mich für Wasserrechte (Patagonia sin represas), denn in Chile hatte Pinochet die Rechte am Wasser privatisiert und an große Energiekonzerne verschachert.
Ich habe erlebt, wie die indigene Bevölkerung in Chile und Argentinien, die Mapuche, konsequent um ihre Bürgerrechte geprellt werden.
Die enorm gespaltene Bevölkerung in Chile, in wenige Superreiche und viele, viele Arme
… und… und… und….

Aus diesem Grunde sagte ich begeistert zu als mich die Einladung erreichte, verband ich zum Beispiel mit dem Goethe-Institut in Santiago de Chile auch viele, angenehme Erinnerungen aus diesen Jahren.
Leider kann ich es nicht bei dieser Lobrede belassen:
Schon in der Eröffnungsrede fielen koloniale Begriffe, und mehrfach wurde die transfeindliche, islamfeindliche und sexarbeitsfeindliche Organisation Terre des femmes e.V. lobend erwähnt. Ebenfalls nahm die Vorsitzende dieser Organisation G. Kosack an einem Tag an der Konferenz teil.
Den Organisator*innen war die Problematik dieser Erwähnungen und Einladung ganz und gar nicht klar, denke ich.

Wie bereits oben erwähnt, wurde dem Thema Intersektionalität großer Stellenwert in der Konferenz beigemessen. Terre des femmes e.V. tritt genau diese zentrale & wichtige Forderung nach einem strukturellen Verständnis von Race, Power & Class mit Füßen, in dem sie marginalisierte Gruppen offen ausschließt und Forderungen aufstellt, wie:

  1. ein Sexkaufverbot
  2.     ein Kopftuchverbot für Minderjährige
  3.     die trans* Personen diskriminierende und wissenschaftlich nicht haltbare Kritik am Gesetzentwurf für das Verbot von Konversionstherapien (unter anderem durch beide Vorsitzenden von TdF)
  4.     eine essentialistische Vorstellung von Geschlecht, wie sie in der Satzung des Vereins und durch die Vorsitzende Inge Bell unmissverständlich geäußert wird und sich auch in der Ablehnung von geschlechtergerechter Sprache manifestiert.
    Dies ist ein Zitat, aus dem Statement (https://whoroscope.eu/statement-der-teilnehmerinnen-der-unidas-frauenkonferenz-2020-zu-terre-des-femmes-e-v/), dass knapp 30 Feministinnen formulierten und unterzeichneten, um gegen diese Verquickung von exkludierenden Schein-Feministinnen und solidarischem Feminismus, der sich auf Rassismus, Klassismus und Machstrukturen hin untersucht, zu protestieren.

Wir informierten natürlich die Organisatorinnen über unsere Kritik. Zunächst gab es Grund zur Annahme, dass darüber reflektiert und nachgedacht wurde. Gleichzeitig waren durch die Einladung an Tdf, Verletzungen, Irritationen und Kontroversen vorprogrammiert und unvermeidbar. So saß ich beispielsweise am Freitag in einem Workshop mit G. Kosack über Digitale Gewalt. Was für eine Ironie, überziehen doch Mainstream-Feministinnen seit jeher die Zielgruppe Trans, Sexwork und viele andere mehr mit digitaler Hetze, Troll-Armeen und jeder Menge stupidem Hass auf den sozialen Medien. Erst dachte ich, ich kann das aushalten, mit dieser Person zu diesem Thema in einem Raum zu sein, aber nach und nach kippte das. Ich hatte das Gefühl nicht offen sprechen zu können, denn mir war unklar, wer im Raum eventuell die Partei von der TdF-Frau ergreifen würde. Ich befürchtete, dass es zur klassischen Täter-Opfer-Umkehr kommen würde, dass, wenn ich zu deutlich und nachdrücklich protestieren würde, eventuell ermahnt oder gar als Täterin hingestellt würde. Ich befürchtete tone-policing, dass leider in einigen akademischen und bürgerlichen Kreisen in Deutschland sehr verbreitet ist, um Outcalls und strikte Abgrenzung gegenüber rechts-offenen Positionen zu verhindern. Außerdem befürchtete ich, dass die Diskussion im Anschluss von der Tdf-Person gekapert würde, und sie so ein Forum für ihren Hass erhielte. Verlassen wollte ich den Raum aber auch nicht, denn das hätte bedeutet, Raum zu konzedieren und sich abdrängen zu lassen. Ein Dilemma! Wirklich aufgewühlt hatte ich keine Ansprechpartnerin, obwohl ich die Moderatorin im Vorhinein darauf hingewiesen hatte. Keine Person fragte, ob es ok oder aushaltbar oder wie es gewesen war. Ich fühlte mich nur schrecklich erleichtert, als es vorbei war und danke allen Teilnehmenden, die im Workshop solidarisch mit mir waren.

Am letzten Abend spitzte sich die Situation noch einmal zu. Es sollte ein Q+A mit Sibel Kekilli geben, deren Namen zuvor mehrfach im Zusammenhang mit Tdf gefallen war. Im Hintergrund feilten wir an den letzten Feinheiten am Statement, um es dann online zu stellen, wenn der Moment dafür gekommen war.
Der Beitrag von Sibel Kekilli triefte nur so vor Paternalismus, Retter*innentum und mangelnden Bewusstsein für Intersektionalität.
Natürlich ist ein Engagement begrüßenswert, das dazu führt, dass es heute ein Frauenhaus in Salvador gibt. Noch begrüßenswerter wäre es aber, beim eigenen Engagement auf Dekolonialisierung, Anti-Rassismus und Einbezug von marginalisierten Gruppen zu achten. Groß wäre es gewesen, zuzugeben, dass sich solche Überlegungen bisher der Kenntnis von Sibel Kekilli entzogen, sie aber nun dafür sensibilisiert sei.

Das ist alles nicht passiert.

Stattdessen wurde die Debatte genau an der Stelle, als Asal Dardan und ich unsere kritischen Nachfragen zu Tdf stellten, abgebrochen.
Zuvor hatte eine brasilianische Teilnehmende bereits Frau Kekilli nach der Gesetzeslage zu Sexarbeit in Deutschland gefragt. Statt Frau Kekilli antwortete der Institutsleiter patronisierend und abwehrend: „So“ eine Frage könne Sibel Kekilli sicher nicht beantworten. Mein Hinweis aus dem Chat, dass ich das aber könne, wurde geflissentlich ignoriert.

Kurz danach ging die Debatte offline und ich wurde im Backend Zeugin, wie Mitarbeitende von UNIDAS jubelten und sich dazu applaudierten, wie geschickt der Institutsleiter DAS mit Tdf gelöst habe. Das war für mich der ultimative Moment von Schock, Wut und Beschämung.

UNIDAS erklärte dann, das Thema könnte in der Abschlussrunde angesprochen werden.
Dort wurde dann ohne weitere Einführung oder Kontextualisierung seitens UNIDAS eine Teilnehmerin aus Brasilien für meine Wortmeldung unterbrochen. Es war sehr unprofessionell und traurig. Ich habe dennoch die Gelegenheit ergriffen, um zumindest etwas beizutragen, das unsere Debatte nachvollziehbarer für die brasilianischen Teilnehmenden und die Zuschauer*innen machen sollte. Die Vortragenden Dr. Michaela Dudley und Pauline Brünger trugen ebenfalls dazu bei.

Alles in allem bin ich sehr enttäuscht über den Eklat und die mangelnde Moderation seitens UNIDAS. Ich bin enttäuscht davon, wie unprofessionell ein Konflikt, der bereits 3 Tage bekannt war, unterdrückt und von der Vorzeigeberühmtheit Sibel Kekilli fern gehalten wurde. Persönlich schmerzt mich das Shaming als Sexarbeiterin, deren Situation anscheinend derartig Randgeschehen ist, dass nicht einmal die Frage danach beantwortet werden kann. Mich macht es traurig, wie unsensibel mit der Kontroverse und unserer Positionierung zu Tdf auch gegenüber den brasilianischen Teilnehmenden umgegangen wurde. Ich wollte keine Person unterbrechen oder meine politischen Inhalte über eine gemeinsame Sache stellen, doch UNIDAS hat genau diesen Eindruck erweckt durch Tatenlosigkeit und Passivität.

Insbesondere ist es wichtig, die strukturellen Dimensionen dieser Vorfälle zu begreifen und daraus zu lernen. Es ist seit Joko & Klaas, Alice Schwarzers Hasstiraden und der unterirdischen und unkritischen Anti-Sexarbeitstirade einer chauvinistischen deutschen Hiphopkombo leider ein Dauerbrenner in Deutschland, dass rechtsoffene Privilegiertenpolitik mit Feminismus verwechselt wird.
Deswegen ist es auch kein Versehen, bedauernswerter Umstand oder lediglich unhöflich, was die Organisation UNIDAS tat oder geschehen ließ, sondern strukturelle Ignoranz, Silencing und zudem noch offen doppelköpfig, wenn einerseits Keynotes zu Intersektionalität gehalten werden und andererseits dann Marginalisierung geduldet, gefördert und dadurch normalisiert wird.

Den Unterzeichner*innen des Statements möchte ich danken und hoffe, dass möglichst viele Menschen durch unsere Abgrenzung gegenüber Tdf dafür sensibilisiert werden, was intersektionaler Feminismus wirklich ist.

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